Orchester der
Philharmonia Hungarica
Die Philharmonia Hungarica wurde 1956 von ungarischen Musikern aufgebaut, die ihr Heimatland verlassen hatten, als sowjetische Truppen in Ungarn einrückten und den Volksaufstand niederschlugen. In einem Wiener Flüchtlingslager formte der junge Dirigent Zoltan Rozsnyai mit emigrierten Musikern ein Exil-Orchester. Am 28. Mai 1957 gab die Philharmonia Hungarica im Wieder Konzerthaus ihr erstes Konzert, wobei die 75 Musiker anfangs buchstäblich nicht mehr besaßen als ihre Begeisterung. Internationale Flüchtlingshilfe-Organisation und Sponsoren engagierten sich für das ungewöhnliche Projekt, ebenso setzen sich berühmte Musiker aller Nationen für das Orchester ein. Einer der ersten Solisten war der Geiger Yehudi Menuhin, der dem Orchester fortan eng verbunden blieb und aufgrund seiner Verdienste schließlich zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde. Zu einer Leitfigur wurde der Dirigent Antal Dorati, der die Rolle des künstlerischen Mentors übernahm und mit dem Orchester die ersten Auslandsreisen unternahm.
Die Philharmonia Hungarica trat ins internationale Rampenlicht, das Orchester wurde ein erstklassiger Klangkörper. Aber als Flüchtlinge blieben die ungarischen Musiker weiter heimatlos und wurden im Ostblock totgeschwiegen. Ein 1957 gegründeter Trägerverein garantierte zwar einen bescheidenen Lohn, aber die Suche nach einem Ort, wo das Orchester sich dauerhaft niederlassen konnte, sollte noch weitere zwei Jahre dauer. Schließlich gab die Ruhrgebietsstadt Marl den ungarischen Musikern eine neue Heimat. Weil aber eine Stadt wie Marl ein solches Orchester nicht allein beschäftigen konnte, ist die Philharmonia Hungarica ein Reiseorchester geblieben. Das Orchester wurde finanziell von der Bundesregierung getragen. Es gab einen in Bonn ansässigen Trägerverein, dem zahlreiche prominente Politiker angehörten. Die Vorsitzende des Trägervereins war Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth. Auf Dauer konnte das Orchester seinen asylpolitischen Status nur durch herausragende Leistungen überwinden. Ein Welterfolg wurde die erste Gesamtaufnahme aller Haydn-Sinfonien unter Antal Dorati. Diese Einspielung wurde mit zahlreichen internationalen Schallplattenpreisen ausgezeichnet. Dazu kamen hochkarätige Einspielungen der Werke von Bela Bartok und Zoltan Kodaly. Insgesamt wurden rund 130 Schallplatten aufgenommen, es gab Auftritte in mehr als 250 Städten in aller Welt. Dabei begleitete das Orchester Künstler wie Luciano Pavarotti, Edita Giruberova, Jose Carreras, Vladimir Ashkemazy, Heinrich Schiff und Yehudi Menuhin.
Als Zoltan Rozsnyai das Orchester 1960 verließ, wurde Miltiades Caridis sein Nachfolger. Von 1968 bis 1971 war Alois Springer Chefdirigent, 1974 kam Reinhard Peters, 1979 Uri Segal, 1985 Gilbert Varga, 1990 wurde Yehudi Menuhin neuer künstlerischer Mentor. Dieser Musiker, selbst ein Symbol für die humane und politische Dimensionen von Musik, festigte nicht zuletzt den ideellen Ruf der Philharmonia Hungarica und half, Grenzen zu überwinden. Im Mai 1990 reiste er als Dirigent und Solist mit dem Orchester erstmals wieder nach Ungarn. Freilich gehörtem dem Orchester schließlich nicht nur ungarische Musiker an; Zuletzt waren unter dem Namen Philharmonia Hungarica Instrumentalisten aus vierzehn Nationen vereint.
Ziel der Philharmonia Hungarica war es, ihre friedenspolitische Botschaft mit herausragenden künstlerischen Leistungen zu verbinden und eine einzigartige Erscheinung in der Kulturlandschaft zu bleiben. Es wurden sehr erfolgreiche Konzertreisen unternommen, die unter anderem durch die baltischen Staaten, nach Polen, Tschechien, China, Zypern und in die ehemalige Sowjetunion führten. Anfang 1997 wurde der Pianist Justus Frantz Chefdirigent des Orchesters. Nachdem die Frage der Zuständigkeit immer lauter gestellt wurde, die finanzielle Situation immer schwieriger wurde, erfolgte 2001 die Auflösung des Orchesters.
2006 wäre die Philharmonia Hungarica fünfzig Jahre alt geworden. Die Neue Philharmonia Hungarica erinnert in einigen Konzerten an diesen Geburtstag. Im Rahmen des Klassik-Festivals Ruhr spielte die Neue Philharmonia Hungarica bei der Mozart-Gala und den "Sommernachtsträumen". Die Neue Philharmonia Hungarica war an dem Wettbewerbskonzert beteiligt und gestaltete die in sechs NRW-Städten präsentierte "Night of Glory". Schließlich erinnert das Orchester bei dem Jubiläumskonzert am 23. Oktober 2006 in Marl auch an den Ungarnaufstand von 1956, der den Anstoß zur Gründung der Philharmonia Hungarica gab.